Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
10/1999/3: "Das Jahr 2000 findet nicht statt"


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Editorial

"Das Jahr 2000 findet nicht statt"

Gerhard Grössing
Irrationale Motive und systemische Revolutionen im Zeitalter der Globalisierung, ÖZG 10/1999/3, 345-370. [Abstract]

Stuart A. Umpleby
Eine kurze Geschichte des Jahr 2000-Problems, ÖZG 10/1999/3, 371-402. [Abstract]

Karl H. Müller
Die brüchigen Zeit-Architekturen der Turing-Gesellschaften, ÖZG 10/1999/3, 403-454. [Abstract]

Friedrich Stadler
'Y2K' - Millenniarismus zwischen digitaler und gesellschaftlicher Apokalyptik, ÖZG 10/1999/3, 455-467. [Abstract]

Abstracts, ÖZG 10/1999/3, 468-469.

Forum

Karl Fallend
Vom Gedanken zur Tat, ÖZG 10/1999/3, 470-475.

Gabriella Hauch
Geschlechter Kriege, ÖZG 10/1999/3, 476-479.
 


Editorial, ÖZG 10/1999/3, 341-344.

"Das Jahr 2000 findet nicht statt". Läßt sich ein solcher Satz sagen? Noch dazu kurz vor jenem Zeitpunkt, zu dem weltweit das Jahr 2000 erwartet wird? Als eine kleine Broschüre aus der Feder des französischen Philosophen Jean Baudrillard mit diesem Titel 1990 bei Merve in Berlin erschien, wirkte der Satz jedenfalls als eine scharfe Provokation, die einerseits durch seine apodiktische Form und andererseits durch seinen prima facie befremdlich erscheinenden Inhalt bedingt war. Baudrillard entwickelte im titelgebenden Essay anknüpfend an einen Aphorismus von Elias Canetti - wenigstens implizit - einen anspielungsreichen Überblick über die geschichtsphilosophischen Diskussionen der (Post-)Moderne. Mit Schlüsselbegriffen wie Simulation und Schlüsselkonzepten wie Beschleunigung entwickelte Baudrillard ein Szenario, das gewissermaßen quer (queer?) zu Francis Fukuyamas Ende der Geschichte liegt. Bei Baudrillard würde die Zeit "schließlich in reiner Zirkulation aufgehen" - eine Denk-Aventiure außerhalb der umkehrbaren Zeit der Neutonischen Mechanik und der gerichteten Zeit der Thermodynamik. Die Geschichte, so Baudrillard, würde verschwinden und nicht etwa im Sinn der 'erfüllten Zeit' zu ihrem Ende gelangen. Unbemerkt verschwinden, an einem vanishing point.

Kurz nach diesem überaus reizvollen Entwurf aus der Mitte der achtziger Jahre steuerte Baudrillard ein weiteres - mehr oder minder komplementäres - Szenario bei, das durch und durch von den Wenden nach 1989 geprägt scheint: jenes von der Krümmung der Geschichte. Der Geschichts-Verlauf würde sich vor dem Ende des (dieses) Jahrhunderts zurückkrümmen, die Geschichte würde "wie ein Tonband", das man rückwärts abspielt - erzeugt dies nicht häßliche Töne? - seinen Weg zum Jahrhundertbeginn zurücklegen und dabei sich selbst wieder zum Vorschein bringen müssen (einschließlich Nationalismen, Völkermord, um nur diese Beispiele zu geben).

Baudrillards rund zehn (und mehr) Jahre alten ironischen Entwürfe erscheinen mir gerade auch heute anregend und diskutierenswert: Sie stellen gesellschaftliche Geschichts- und Zeit-Konventionen - egal ob sie von 'Laien', von der philosophischen Tradition oder professionellen Historikern getragen werden - radikal in Frage und verweisen zugleich auf geschichtliche Prozesse selbst. Damit aber nicht genug: Baudrillards ironischer Vorschlag bestand 1990 darin, "die neunziger Jahre zu streichen, die nineties zu überspringen", um sogleich im nunmehr "geschichtslosen" 21. Jahrhundert zu landen. Nun, niemand scheint auf ihn gehört zu haben.

Wie bedauerlich: Ende der neunziger Jahre ist das Jahr "2000" mehrfach zum Problem geworden. Einem kleineren, aber nicht unwichtigen Teil dieser Probleme widmet sich dieses Heft.

Stuart Umpleby, Kybernetiker aus der Schule Heinz von Foersters und heute Management-Wissenschaftler, beschäftigt sich seit Jahren praktisch und theoretisch mit dem sogenannten Jahr-2000-Problem (Y2K-Problem), jenem multiplen Problem, das in (nicht nur) hoch-entwickelten Gesellschaften sozusagen aus "rein technischen" Gründen wahrscheinlich seine unheilvolle Wirksamkeit entfalten wird. Neben einer Skizze der technikgeschichtlichen Hintergründe widmet sich Umpleby der Frage von Coping-Möglichkeiten, die sich ergeben haben. Zugleich enthüllt Umplebys Artikel Eine kurze Geschichte des Jahr 2000-Problems auch die "Torheit der Regierenden".

Karl H. Müllers umfangreicher Beitrag nimmt die Y2K-Problematik auf und verfolgt dabei eine noch viel weitreichendere Strategie, sie ins Soziale und ins Historische "einzubetten". Zunächst erläutert er die Genese des Problems über eine kurze Geschichte der (heutigen) Zeitmessung, die den 'Sieg' der westlich-christlichen Tradition als einen der Ausgangspunkte des Y2K-Problems beschreibt. Sodann präsentiert Karl H. Müller eine neue Typologie gesellschaftlicher Entwicklungsstufen in einem evolutionstheoretischen Kontext. Der Sozialwissenschaftler Müller unterstellt eine idealtypische Abfolge, die von Darwin-Gesellschaften, über Polanyi-Gesellschaften und Piaget-Gesellschaften zu den gegenwärtigen Turing-Gesellschaften führt. Diese Gesellschaftstypen werden durch jeweils unterschiedliche Techniken und Modi der Wissens- und Informationsverarbeitung charakterisiert. Turing-Gesellschaften weisen, so entwickelt Müller sein Argument, als eine evolutionäre Kerneigenschaft eine Trennung von Wissensbasis und Oberflächen-Interaktionen auf. Zudem sei in ihnen - und darin bestehe vor allem das Neue - die Möglichkeit gegeben, direkt in den genetischen Pool einzugreifen. Erst in einer Turing-Gesellschaft mit ihren spezifisch ausgebildeten Netzwerken sind Probleme wie das Y2K-Problem möglich und ubiquitär. Und so seien die brüchigen Zeit-Architekturen der Turing-Gesellschaften zu einem Basis-Problem gerade auch unserer Gesellschaft geworden.

Auch der Wissenschaftshistoriker Friedrich Stadler nimmt Y2K zum Ausgangspunkt seines Artikels und bemüht sich - in durchwegs skeptischer Weise - um die mehr "mentalitäts"-historische Einbettung des Problems. Die Baudrillardsche "Hysterese des Millenniums" gerät unter seiner Hand zum "Millenniarismus". Stadlers an den gewohnten Millenarismus anknüpfender Neologismus erlaubt ihm, über ein breites Spektrum (kultur-)pessimistischer Tendenzen im Kontext der Fin de Siècle malaise kritisch zu berichten.

Der einleitende Beitrag dieses Heftes Irrationale Motive und systemische Revolutionen im Zeitalter der Globalisierung, verfaßt vom Wiener Physiker Gerhard Grössing, schließt am allgemeinsten an die Zeitproblematik - auch in kritischer Auseinandersetzung mit Ideen Baudrillards - an. Er skizziert Entwicklungslinien der Konzeptionen des "Ich" von der Moderne bis zur Postmoderne und setzt sie in einen Kontext mit der Entwicklung naturwissenschaftlicher Weltbilder, der Globalisierung als gegenwärtigem Stadium des Kapitalismus und der Dynamik der Medien-Logiken. Die Virilosche 'Beschleunigung' wird auch hier zum Schlüsselbegriff. Grössings gleich mehrere große Bögen schlagender Artikel mündet schließlich in eine kritische Auseinandersetzung mit dem Philosophen Peter Sloterdijk.

Alle vier Artikel erweisen die Notwendigkeit, das Grundlagen-Problem "Zeit" unter Einbeziehung verschiedener Disziplinen und Ansätze neu zu thematisieren und diskutieren, auch wenn es das historische 'Alltagsgeschäft' gewöhnlich erlaubt, derartige Grundlagen-Probleme zu ignorieren. Für die nächsten Jahre plant die ÖZG eine Auseinandersetzung mit zirkulären und biomorphen Zeitvorstellungen, wie sie beispielsweise Geschichts-Modellen à la Spengler, aber auch etwa den ökonomischen Konjunktur-Theorien zugrunde liegen. Dies verweist auf ein weiteres künftiges Thema: den unterschiedlichen Gebrauch des Zeitbegriffs across sciences and humanities. Die bekannte Debatte zwischen Albert Einstein und Henri Bergson gibt hierfür das 'klassische' Paradigma ab. Nicht zuletzt mit solchen Vorhaben soll der 'Geschichtsdiskurs' ein wenig über seine engeren disziplinären Grenzen hinausgeführt werden.

Noch ein Hinweis auf die beiden Forumbeiträge: Der Psychologe Karl Fallend beschäftigt sich mit dem KZ-Arzt Josef Mengele, genauer, mit einem Film, der sich fiktional mit dieser Symbol-Figur der NS-Gräuel auseinandersetzt, und präsentiert die daraus sich ergebenden Problemfelder als Thema der Vater-Sohn-Beziehung. Sohn und Vater Mengele werden von Fallend ebenso zum Thema gemacht wie Sohn Götz George, Hauptdarsteller des Mengele-Films, und Vater Heinrich George, Hauptdarsteller in mehreren NS-Propagandafilmen.

Gabriella Hauch schließlich berichtet über letzte Entwicklungen in der neuen Militärgeschichtsforschung, ein Thema, dem in der ÖZG schon mehrmals Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Hauch berichtet unter anderem auch über die zunehmende Divergenz zwischen diskursanalytischen Ansätzen und klassischer neuerer Sozialgeschichte, eine Divergenz, die zum main cleavage der nächsten Jahre werden könnte.

Albert Müller, Wien

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Abstracts, ÖZG 10/1999/3, 468-469.

Gerhard Grössing: Irrational Motives and Systemic Revolutions in the Age of Globalisation, 345-369.

The discussions concerning socalled ``Postmodernism" were marked by a - partly intended - misunderstanding concerning different concepts of the Ego: While some kept on problematising an objectified Ego in society and history, others were concentrating on the nature of a subjective Ego. The latter had necessarily posed itself as a pressing problem closely related to current trends of acceleration; accelerations caused by a conjunction of global monetary dynamics and scientific-technical revolutions. This has led to the establishing of supraindividual and transnational ``mega-maschines", which have since long by far surpassed the capacities of any single individual. A correlating process of overpowering is characterized by a graspable logic of development, the further research of which could prove fruitful for the future. But in order to do this it becomes necessary to clarify the interrelations between scientific-technical developments on the one and socio-political and psycho-social dynamics on the other hand, a problem which in the current discussion is very inadequately being dealt with, as e.g. illustrated by Sloterdijk´s attempts in this field.
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Stuart A. Umpleby: A short history of the Year-2000-Problem, 371-401.

This article focuses on four major aspects of the so-called y2k-problem. First, it gives a detailed account of the main distribution channels through which the y2k-time error has been propagated throughout contemporary societies. In doing so, it will be shown that the major y2k-channels came into existence at relatively late points in time, notably in the late 1980's and early 1990's. Second, a small number of unusual y2k-characteristics at the societal level like the identity between problem producers and problem solvers or the existence of critical network thresholds will be introduced and discussed. Third, the article asks for the relevance of contemporary scientific theories for analyzing the y2k-phenomenon and arrives at a rather disappointing conclusion by identifying relatively few cognitive modules which have some essential bearing on the emergence, the diffusion and on the gradual disappearance of the y2k-time co-ordination failure. Finally, the article attempts to construct a conditional forecast, relying heavily on the available international assessments of the ``global status" of y2k-time co-ordination efforts.
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Karl H. Müller: Broken Time-Architectures of Turing-Societies, 403-453.

The paper concentrates on three major issues, all closely related to the ``embeddedness" of time in societies, past and present. The first major part of the article is devoted to the problems of time measurements and time-scales and follows the long trajectories from ``sundials" to contemporary ``atomic clocks" or from the divine creation of the earth just 4000 B.C. to the contemporary scale with its initial point at 4.5 billion years ago. The second part of the paper concentrates on the question of basic societal architectures in general and time architectures in particular. Above all, the concept of ``Turing societies'' as well as their comparatively new architectures will be laid out in greater detail. Finally, the paper concludes with ten basic propositions which highlight the unusual character of the year 2000-problem. In particular, these propositions point to the unusual type of societal co-ordination challenges, associated with the necessary y2k-adaptations, and conclude with a general theorem from network theory, pointing to the robust sides, but also to the profound and ``central" weaknesses of densely coupled networks.
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Friedrich Stadler: `Y2K' - Millennarianism between Digital and Societal Apocalypticism, 455-467.

In the wake of an increasing international interest in the so called ``Millennium Bug" (Y2K-Problem) the crucial question arises about the preconditions responsible for this inflationary cultural vehicle: How can we analyze the respective myths and images within a comparative study? How can we interpret the intervening and intersecting fields of the digital-technological and cultural-apocalyptic manifestations of Y2K? And how can we achieve a rational reconstruction of the correlation between real problems and imagined constructions of millennarianism?

A tentative solution is suggested through an interdisciplinary, historico-sociological interpretation in an international perspective employing a historiography of mentality in the wider context of transdiciplinary research on the problem of time.
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